"Mich hat immer interessiert, wie man Sport als Bildungsthema begreifen kann"

Steffi Biester ist eine der fünf neuen Ashoka-Fellows. Wer ist sie und was macht sie genau? Drei Fragen, drei Antworten.
Steffi Biester

Wie kamst du auf die Idee, Jugendliche mittels Sport zu unterstützen? Und warum ausgerechnet Fußball?  

Im Sport stecken Werte wie Fairness, Respekt, Miteinander und auch viele soziale, personale und praktische Kompetenzen. Das sportliche Spiel gibt uns sozusagen alle Elemente, die wir brauchen, um Bildung miteinander gestalten zu können. Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, gab es Programme, die Sport als Integrationsthema verstanden haben. Mich hat immer interessiert, wie man Sport als Bildungsthema begreifen kann. Nämlich als eine Art Vehikel, über das Jugendliche und Kinder sich persönlich entwickeln können, dabei unterschiedliche Kompetenzen erwerben und damit ihren Platz in der Gesellschaft finden. Als mein Mitgründer Jochen Föll und ich uns nach Methoden umgeschaut haben, sind wir auf Projekte gestoßen, die in anderen Teilen der Welt Straßenfußball einsetzen, um rivalisierende Gangs zusammenzubringen – etwa Futbol por la paz von Jürgen Griesbeck (Anm.: ebenfalls Ashoka-Fellow) in Kolumbien. Wir dachten uns: Was in diesem schwierigen Kontext funktioniert, passt in abgewandelter Form vielleicht auch auf unsere Fragestellung zum Thema Bildung. So haben wir mit der Unterstützung von Wissenschaftler*innen und Menschen aus der Praxis, Lehrkräften, Pädagogen, Sozialarbeiter*innen und den jungen Menschen selbst ein fundiertes Konzept erarbeitet.

Um welche Kompetenzen geht es in euren Programmen? Was sind die konkreten Fähigkeiten, die junge Menschen über KICKFAIR lernen?  

Bei KICKFAIR geht es und um die allgemeinen Handlungskompetenzen – das umfasst soziale, personale und strategische Kompetenzen. Und darum, dass sich diese Kompetenzen auf der Grundlage gemeinsamer Werte des Miteinanders entwickeln. Wichtig dabei ist: Wir vermitteln diese Kompetenzen nicht. Die Jugendlichen erwerben sie in verschieden Rollen und Aufgaben im praktischen Tun selbst: als Organisator*innen, als Straßenfußball-Mediator*innen, als Youth Leader. Beim Organisieren geht es zum Beispiel um Kompetenzen wie: Auf was muss ich achten, wenn ich etwas organisiere oder anleite? Oder: Wie nehme ich mir die Furcht vor großen Aufgaben? Wie setze ich mir ein Ziel? Wie strukturiere ich mich? Wie löse ich Aufgaben nicht nur alleine? Da sind wir dann auch schon bei den sozialen Kompetenzen, bei denen es unter anderem um Konfliktlösung und ums Arbeiten im Team geht. In ihren Rollen und Aufgaben erleben sie sich selbstwirksam. Weg von der Orientierung an ihren Defiziten entfalten sie ihre Potentiale. Sie entwickeln sich persönlich, aber auch als Teil einer Gemeinschaft. Junge Menschen, die von der Gesellschaft oft als chancenbenachteiligt oder als Teil des Problems hingestellt werden, werden selbst zu Changemaker*innen ihrer Lebensrealitäten. Mit diesem Konzept weben wir uns immer tiefer in das Bildungs- und Erziehungssystem ein, um nicht nur Denkweisen zu verändern, sondern viele andere Mechanismen auch, die zu Chancenungleichheit führen. So messen wir Erfolg nicht mehr nur an Noten oder daran, ob jemand studiert hat – für uns bedeutet Erfolg, dass ich mein Leben in der Hand habe und dass ich zufrieden bin, weil ich es selbstbestimmt gestalten kann. 

Euren Verein gibt es seit 2007. Was motiviert dich, nach dieser langen Zeit immer noch weiter daran zu wirken?  

Zu sehen, dass junge Menschen nicht nur selbstbestimmt ihr eigenes Leben gestalten, sondern als Changemaker*innen auch positiv in ihr Umfeld wirken, motiviert mich sehr. Gleichzeitig muss es aber auch darum gehen, die Mechanismen zu verändern, die im Bildungs-und Erziehungssystem zu Chancenungerechtigkeiten führen. Und hier gibt es noch eine Menge zu tun. Das zeigt sich ja auch gerade aktuell. Wie wir es als Gesellschaft schaffen werden, perspektivisch mit dem Erbe der COVID-19-Krise umzugehen, wird ein systemisch langfristiges Thema. Schaffen wir es, 'Altbewährtes' loszulassen und bisherige Mechanismen, die zu Chancenungleichheiten führen, langfristig zu verändern? Oder gehen wir zurück zum business as usual – und laufen Gefahr, bisherige Dynamiken noch zu verschärfen? Für ersteres habe ich noch eine Menge Energie. Nun ein Teil von Ashoka zu sein, ist großartig – im Austausch mit anderen zu sein, die ähnliche Ziele verfolgen und mit denen ich Werte und Haltung teile, ist eine ganz große Motivation für mich. Dazu gehört auch das KICKFAIR Team. Wir sind viele und je mehr wir werden, und je besser wir zusammen agieren, desto mehr tragen wir zu Veränderung bei. 

 

Zu KICKFAIR e.V. 

In Deutschland (und auch anderswo) sind soziale Herkunft und Migrationshintergrund noch immer entscheidend für den Bildungserfolg: Hierzulande gehen 76% der Jugendlichen aus Familien mit hohem Bildungsstand auf Schulen, die zur Hochschulreife führen; 54% sind es bei Familien mit geringem Bildungsstand. Und das ist nur ein Aspekt von vielen, wenn es um Bildungsbenachteiligung geht  Steffi Biester wollte und will, dass Kinder und Jugendliche – egal, woher sie kommen und wer ihre Eltern sind – die gleichen Chancen haben. 2007 gründete sie, gemeinsam mit Jochen Föll, KICKFAIR. Die Idee: Jugendliche begegnen sich beim Fußball, kommen ins gemeinsame Tun, erleben Vielfalt als Stärke und bauen vorhandene Vorurteile ab. Sie werden Teil eines demokratischen Gemeinwesens und gestalten das soziale Miteinander aktiv mit. Die Fragen „Wer bin ich? Wer bist du? Wer sind wir gemeinsam?“ sind für das Konzept von KICKFAIR handlungsleitend. Seit seinem Bestehen wurde der Verein mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Dirk Nowitzki Stiftungspreis für Fußball-Lernen-Global Deutschland (2014) und dem Deutschen Engagement-Preis des Bündnisses für Gemeinnützigkeit im Bundesverband Deutscher Stiftungen (2012).