"Wir merken, was für eine Kraft in den Geschichten steckt"

Sarah Hüttenberend ist eine der fünf neuen Ashoka-Fellows. Wer ist sie und was macht sie genau? Drei Fragen, drei Antworten.
Sarah Hüttenberend

Sarah, wann hast du zum ersten Mal verstanden, was der Holocaust ist und was er immer noch bedeutet?  

Das war 2011 im Gespräch mit der Zeitzeugin Frieda Kliger in Israel. Zu Frieda habe ich eine ganz besondere Verbindung gespürt. Diese Verbindung hat mich Geschichte nochmal ganz neu verstehen und fühlen lassen. In der Schule war der Holocaust ein Thema im Geschichtsunterricht, dadurch hatte ich automatisch eine große Distanz dazu. Durch diese Distanz bekommt man schnell den Eindruck, dass das Thema nichts mit unserer heutigen Situation zu tun hat und sehr weit weg ist. Es gab keine Brücke in meine Lebensrealität und dadurch wurden mir die Größe, die Tragweite und die Bedeutung dessen, was im Holocaust passiert ist, nicht richtig bewusst. Durch das Gespräch mit Frieda konnte ich die Dimension des Schmerzes, der Ausgrenzung und des gesamten Themas viel besser verstehen.  

Bei Heimatsucher arbeitet ihr mit sogenannten Zweitzeug*innen. Was steckt hinter diesem Begriff? 

In unserem Konzept sind es nicht die Zeitzeugen selbst, die ihre Geschichten in die Welt tragen, sondern Zweitzeugen. Das sind Menschen, die sich intensiv mit den Erzählungen eines Zeitzeugen oder einer Zeitzeugin auseinandergesetzt haben und so davon berührt sind, dass sie wollen, dass diese Geschichte weitergetragen wird und nicht in Vergessenheit gerät. Die Zweitzeugen gehen anstelle der Zeitzeugen in die Bildungseinrichtungen und erzählen stellvertretend deren Lebensgeschichten. Dieser Ansatz funktioniert auch in einer Zeit, in der Zeitzeugen nicht mehr selbst in die Bildungsstätten gehen können. Wir ermutigen die Kinder und Jugendlichen, auf diese Geschichten zu reagieren, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen und selbst aktiv zu werden. Das kann je nach Alter auf ganz unterschiedliche Arten passieren. Manche schreiben Briefe an die Zeitzeugen oder deren Familien, andere starten Projektwochen rund um das Thema Rassismus und Ausgrenzung, wieder andere verarbeiten ihre Gedanken in Artikeln für die Schülerzeitung. Unser Ziel ist es, den jungen Menschen zu vermitteln, dass sie selbst ein Teil der Erinnerungskultur werden können und als Teil demokratischer Bildung auch selbst Dinge in Bewegung setzen können. 

Heimatsucher ist als Studentenprojekt gestartet. Wann hast du erkannt, dass das ein größeres Projekt wird? 

Heimatsucher war relativ lange ein Studenten- und Freundesprojekt. Am Anfang sind Freund*innen und Verwandte miteingestiegen und haben gemerkt, was für eine Kraft in den Geschichten steckt. Unter ihnen auch zwei, die heute noch mit im Vorstand sind – also eigentlich meine Mitgründerinnen Katharina Müller-Spirawski und Anna Damm. Die Unterstützer*innen der ersten Stunde waren es auch, die sehr früh das Potenzial des Ganzen erkannt haben. Früher als ich selbst. Ruth-Anne Damm, eine der frühen Mitwirkenden, hat damals gesagt: “Das Konzept muss auf eine größere Bühne! Ihr könnte das jetzt nicht wie ein Studentenprojekt einfach wieder in der Schublade verschwinden lassen.” Und so war es dann auch.

 

Zu Heimatsucher e.V. 

Ursprünglich 2010 als studentische Initiative gegründet, ist Heimatsucher seit 2014 ein eingetragener Verein. Mittlerweile arbeiten mehr als 100 Ehrenamtliche für den Verein, mehr als 197 sind offizielle Mitglieder*innen. Heimatsucher e.V. wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2016 mit dem startsocial-Sonderpreis. In ihrer Laudatio sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel: »Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft, das hat uns Wilhelm von Humboldt vor langer Zeit mit auf den Weg gegeben. Diese Erkenntnis von – wie ich glaube – zeitloser Gültigkeit beherzigt heute ein noch junger, aber beeindruckender Verein.«