"Wir haben ein Corona-Schutzkonzept für Frauenhäuser entwickelt"

Dass jede vierte Frau in Deutschland im Laufe ihres Lebens körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner erlebt, will Marion Steffens nicht hinnehmen. Seit mehr als 25 Jahren unterstützt Steffens Ärzt*innen sowie andere Gesundheitsberufe dabei, häusliche Gewalt frühzeitig zu erkennen und adäquat darauf zu reagieren. Wie wirkt sich das Coronavirus auf ihre Arbeit aus?
Ashoka-Fellow Marion Steffens

Der derzeitige soziale Rückzug, Isolation, ein Leben mit der Kernfamilie – all das soll helfen, das Virus einzudämmen. Andererseits, das sieht man etwa an Zahlen aus Wuhan, steigen dadurch die Fälle von häuslicher Gewalt. Wie bewertest du die Situation?

Tatsächlich wissen wir noch nicht, wie sich die Situation entwickeln wird. Ob Männer, die nie gewalttätig waren, nun unter dem Stress gewalttätig werden, ist noch nicht verifizierbar. Da Gewalt sehr stark mit gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Rahmenbedingungen zusammenhängt, können wir Wuhan nicht auf Wuppertal übertragen. Ziemlich sicher ist allerdings: Die Situation der Frauen, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind, wird sich verschlechtern. Private Unterstützung geht wegen der sozialen Distanznahme zurück, die Polizei wird im Quarantänefall eventuell keine Wegweisung des gewalttätigen Mannes durchsetzen oder erst gar keinen Einsatz fahren. Die Gesundheitsversorgung bricht eh mehr und mehr ein – eine angemessene Versorgung von Gewaltopfern wird da eher unwahrscheinlich. Psychische Krisen werden zunehmen.

Wie kann GESINE da helfen?

Wir haben ein Corona-Schutzkonzept für Frauenhäuser entwickelt, das wir regelmäßig updaten. Und wir versuchen, Lösungen für Problemanzeigen aus der Unterstützungspraxis zu finden. Wir entwickeln gerade ein digitales Tool – eine browserbasierte App –, das Frauen, die versuchen ihren gewalttätigen Partner zu verlassen, unterstützen wird. Leider fehlt uns noch das Geld. Wir organisieren Hotels und verhandeln mit den Betreibern über die Nutzung als Schutzunterkünfte. Wir akquirieren Support, wo wir können. Von Schutzmasken über Notfallpläne – wir suchen und finden Menschen, die mitmachen. In etwa einer Woche gehen wir mit unserer neuen Webseite online, als Teil unserer digitalen Offensive und bauen gerade ein Hilfspaket speziell für die Situation unter Covid-19 ein.

Alle reden von Solidarität – Social Entrepreneurs wie du leben Gemeinsinn und Zusammenhalt schon seit Jahren, teils Jahrzehnten. Wie empfindest du den derzeitigen Stimmungswandel? Und was erhoffst du dir davon?

Einerseits bin ich sehr, sehr berührt von der Bereitschaft zu handeln, begeistert vom Ideenreichtum der Ashokis, aber auch von vielen, vielen anderen. Andererseits bin ich entsetzt über politische Entwicklungen. In Nordrhein-Westfalen wurde vergangene Woche erst ein Hilfspaket für von Gewalt betroffene Frauen und Frauenhäuser abgelehnt. Auch für unser Tool wird kein Geld bereitgestellt. Ich verbringe also viel Zeit mit so etwas Überflüssigem wie Finanzakquise – obwohl Geld in Hülle und Fülle da ist. Was mich täglich motiviert ist der Gedanke, das es in unserer Hand liegt, die Welt zu gestalten: Everyone is a changemaker.