Wer sorgt dafür, dass Mitarbeiterfamilien unterstützt werden, wenn sie es besonders nötig haben? Woher sollen die Fachkräfte in meiner Region kommen, wenn ich mir die Jugendlichen ansehe? Wie erhalten wir die Dörfer, wenn die Geschäfte abwandern? Wie helfen wir Menschen, nach dem Scheitern wieder aufzustehen? Bei gesellschaftlichen
Herausforderungen ist es nicht anders als bei wirtschaftlichen. Eine Idee allein bringt wenig, ein Unternehmer ohne Idee nicht viel mehr. Es ist die seltene Kombination, aus der etwas wachsen kann.

Diese Einsicht ist im sozialen Sektor noch neu, aber dank der Unterstützung vieler Familienunternehmer sind Social Entrepreneurs inzwischen in Deutschland angekommen und sie verbreiten Lösungen für die oben genannten Fragen und viele mehr. Die beiden Social Entrepreneurs Rose Volz- Schmidt und Murat Vural gehören zu der noch kleinen Gruppe sozialer Gründer, die die prekäre Anfangsphase hinter sich gelassen haben.

Rose Volz-Schmidt hat eine wichtige Lücke entdeckt: Nach der Geburt brauchen viele junge Familien ganz praktische, moderne Nachbarschaftshilfe. Inzwischen sind Tausende entsprechend qualifizierte Freiwillige unterwegs und ihre Organisation »wellcome« hat Franchise-Partner in ganz Deutschland. Ihre aktuelle Herausforderung: Wie kann wellcome mit Unternehmen zusammenarbeiten, um Mitarbeiterfamilien zu unterstützen?

Murat Vural sorgt mit seinem »Chancenwerk« dafür, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund in Nordrhein-Westfalen Vorbilder und Mentoren in ihrem Umfeld finden. Der Vorteil: Sein Schneeballsystem braucht kaum Ressourcen und mobilisiert für jeden Mentor eine ganze Gruppe von fortgeschrittenen Schülern, von denen jeder im Gegenzug für die erfahrene Unterstützung wieder einer ganzen Gruppe von jungen Schülern hilft. Ihn beschäftigt gerade ein Wachstum aus Nordrhein- Westfalen hinaus in andere Bundesländer, das seine Organisation nicht überfordert.

Noch am Beginn der Wachstumsgeschichte stehen dagegen Heinz Frey und Attila von Unruh. Sie sind erst seit kurzem im Netzwerk von Ashoka und erhalten neben Stipendium auch Pro-bono-Dienstleistungen und Kontakte.

Heinz Frey kommt aus einer ländlichen Gegend und erlebte, wie ein Geschäft nach dem anderen verschwand, bis das Leben auf dem Dorf insbesondere für ältere Menschen und junge Familien kaum mehr möglich war.Er erfand die DORV-Läden, die gemeinschaftlich betrieben und sich selbst tragend das Leben zurückbringen. Er fragt sich, was für eine Organisation er aufbauen muss, damit seine Idee schnell wachsen kann.

Selbst betroffen war auch Attila von Unruh von dem Problem, das er nun löst. Unverschuldet in die Insolvenz geraten, erkannte er, wie man die oft brach liegenden Talente und Erfahrungen von Menschen in Insolvenz nutzen kann, um Menschen vor der Insolvenz zu bewahren. Aus dem Betroffenen-Netzwerk »Anonyme Insolvenzler« entstand ein einzigartiges unabhängiges Beratungsangebot von Betroffenen für Betroffene. Für Attila von Unruh lautet die aktuelle Herausforderung, wie er Investoren beteiligen kann, ohne sich wieder in Abhängigkeit zu begeben.

Die Fragen der Social Entrepreneurs sind also denen ähnlich, die sich auch Unternehmer stellen. Nur stoßen sie oft mit ihrem Wachstumsanliegen an die rechtlichen Hürden der Gemeinnützigkeit, an die traditionellen Grenzen des Sozialsektors und an die persönlichen Limits der Belastbarkeit. Ähnlich anspruchsvoll wie Social Entrepreneur zu sein ist es daher, ein Unterstützer zu sein, denn es geht darum, diese Grenzen ganz praktisch zu überwinden. Es ist bisher eine kleine Gruppe von wenigen Dutzend Unternehmerpersönlichkeiten, darunter viele Familienunternehmer und -unternehmen wie Boehringer, Haniel oder Werhahn. Die Unterstützung mit Spenden ist dabei nur der Anfang. Wenn man das Wachstum einer Idee ermöglichen will, erfordert das eine Partnerschaft auf Augenhöhe und auch das Einbringen von eigenen Ideen und Netzwerken, ja vielleicht sogar des eigenen Unternehmens als Partner. Und da steht die kleine Bewegung noch am Anfang: Oft teilen Social Entrepreneurs und Familienunternehmen das gleiche Anliegen und könnten mit geschäftlicher Partnerschaft noch mehr erreichen als mit traditioneller Wohltätigkeit allein. Denn Unternehmen sind wettbewerbsfähig, wenn aus Jugendlichen gute Fach- und Führungskräfte werden, wenn die Mitarbeiterfamilien gut versorgt sind und das Unternehmertum in der Region floriert.

Es ist in unserer Gesellschaft gut eingeübt, persönliches Engagement und geschäftliches Interesse sorgfältig zu trennen. Insofern ist Social Entrepreneurship Neuland und das wird zuerst von denen betreten, die Verantwortung für die Gesellschaft und unternehmerischen Erfolg schon immer zusammen gedacht haben.


 

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