Digitale Fernbeziehung

Die Pädagogin Annette Habert gründete 2012 die Flechtwerk 2+1 gGmbH, zu der die Initiative "Mein Papa kommt" gehört. Habert und ihr Team organisierten bisher, dass Väter und auch Mütter aus Trennungsfamilien bei Ehrenamtlichen unterkommen konnten, wenn sie ihre Kinder besuchten. Wie läuft ihre Arbeit jetzt, in Zeiten von Covid-19? Ein Interview.
Ashoka-Fellow Annette Habert

Soziales Miteinander ist gerade nur innerhalb der Kernfamilie möglich – man ist also mit den Menschen zusammen, mit denen man sich eine Wohnung teilt. Was ist dein Eindruck: Wie erleben getrennt lebende Familien die Situation zurzeit?

Das Umgangsrecht des Kindes mit beiden Eltern wird durch die Ausgangsbeschränkungen nicht gemindert. Umgangsbesuche sind weiterhin möglich. De facto entfallen sie jedoch trotzdem gehäuft, denn der nicht beim Kind lebende Elternteil müsste sein Kind in einer Zeit erheblicher allgemeiner Verunsicherung und potentiell existentieller Gefahr ausgerechnet dem Menschen anvertrauen, zu dem er das Vertrauen verloren hat. Begleitete Umgänge hingegen entfallen komplett, ohne dass es mit dem Kind eine angemessene Vorbereitung auf diesen Einschnitt gegeben hätte. Umgangsbegleiter fühlen sich im digitalen Raum nicht zuständig.

Was bedeutet die Situation für die Kinder getrennt lebender Eltern?

Die Kinder sind zum Teil in großer Sorge um den anderen Elternteil: Ist Papa alleine? Ist er gesund? Wird er sterben? Ist Papa ansteckend? Darf ich den nie mehr umarmen? Traumatisierende Trennungserfahrungen aus der vergangenen Zeit der auseinanderfallenden Kernfamilie werden reaktiviert. Es fehlen konstruktive kindgerechte Handlungsmuster im Umgang mit einer „Fernbeziehung“ zwischen Erwachsenen und Kindern im digitalen Raum. Zugleich erleben die Eltern am Telefon, dass der mit dem Kind zusammenlebende Elternteil mit der Versorgung des Kindes aktuell erheblich gefordert ist. Im Falle von Home Office für den Alleinerziehenden wird offensichtlich, dass das Kind dort nicht adäquat versorgt werden kann. Das ist für den anderen Elternteil von der Ferne aus schwer zu ertragen. 

Wie geht es den Eltern damit?

Der eine Elternteil ist tagein, tagaus alleinerziehend, während der andere tagein, tagaus allein ist. Ein Großteil unserer anreisenden Eltern lebt gerade nicht mit anderen Menschen zusammen, sondern alleine. Sie sind erheblich verunsichert und fürchten, dass es auch nach der Pandemie zu Umgangsbeeinträchtigungen kommen kann. Im Falle von eskaliertem Elternkontakt fehlt ihnen das Vertrauen, dass dem anderen Elternteil die aktuellen Ausgangsbeschränkungen womöglich gelegen kommen, um Begegnungen des Kindes mit dem anreisenden Elternteil auch künftig zu minimieren. In den Medien sind Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder ein tägliches Thema. Es gibt unzählige Vorschläge, was man jetzt alles mit seinem Kind unternehmen könnte. Die Eltern, die nicht beim Kind leben, werden völlig übersehen.

Deine Organisation ermöglicht es, dass getrennt lebende Eltern auch über Hunderte Kilometer Entfernung hinweg Kontakt zum Kind halten können. Wie lässt sich das jetzt aufrechterhalten?

Wir vermitteln aktuell keine Gastgeber an anreisende Eltern, reservieren aber natürlich die Plätze, damit es für Eltern und Kinder nach der Pandemie in gewachsenen Strukturen weitergehen kann. Unser Besuchsprogramm wurde quasi einmal umgekrempelt: Alleinlebenden älteren Gastgebern haben wir die unterstützende Vernetzung mit Flechtwerk-Eltern an ihrem Wohnort angeboten. Inzwischen verweisen wir primär auf www.nebenan.deWir haben unser Angebot der pädagogischen Elternbegleitung sofort erheblich intensiviert. Unser pädagogischer Newsletter erreicht im Rhythmus der gängigen Umgangstermine aktuell 1.300 Eltern. Es geht um pädagogische Anregungen zur qualitätsvollen elterlichen Fürsorge für Bindungssicherheit aus der räumlichen Distanz. Zusätzliches Thema sind Impulse zur Entlastung des aktuell in der Alleinsorge geforderten beim Kind lebenden Elternteils, um zu einer kooperierenden Elternschaft einzuladen und langfristige Umgangsabbrüche zu verhindern. Natürlich gehört auch ein Lotsendienst zu Krisenberatungen dazu. Diesen Service bieten wir im Interesse der betroffenen Kinder kostenbefreit auch denjenigen Eltern an, die keinen Elternbeitrag bezahlen.

Wie sieht es mit Einzelberatung aus?

Aktive Mitglieder, die sich mit einem Elternbeitrag an unseren Kosten beteiligen, beraten wir weiterhin individuell. Die Nachfrage hat sich vervierfacht. Zu den eigenen Themen der in der Ferne lebenden Eltern kommen diese mit Fragen der alleinerziehenden Elternteile auf uns zu. Es besteht auch auf dieser Seite erheblicher Informationsbedarf, beispielsweise zu der Problematik, wie eine Alleinerziehende mit drei Kindern ihrer Arbeitsverpflichtung im Home Office nachzukommen kann.

Alle reden von Solidarität – Social Entrepreneurs wie du leben Gemeinsinn und Zusammenhalt schon seit Jahren, teils Jahrzehnten. Wie empfindest du den derzeitigen Stimmungswandel? Und was erhoffst du dir davon?

In der aktuellen Notlage begleiten wir unsere Zielgruppe unabhängig von wirtschaftlichem Nutzen. Dies ist für eine begrenzte Zeit möglich, da wir Ende vergangenen Jahres Spenden erhalten haben von Menschen, die genau das wertschätzten, was nun mehr den je gebraucht wird: Erfahrungen von Verbundensein eröffnen, wo bisherige Strukturen nicht mehr tragfähig sind. Leider wurde ausgerechnet die pädagogische Begleitung der vom Kind getrennt lebenden Eltern noch nie gefördert und konnte bis dato nur neben dem Kerngeschäft entwickelt werden. Ich hoffe, dass wir in Zukunft Ressourcen haben, um auch auf künftige umfassende Herausforderungen adäquat reagieren zu können. Es muss möglich sein, in weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungsprozessen innovativ zu reagieren, ohne das Unternehmen zu gefährden.

 

Am 27. März 2020 erschien im Spiegel ein Interview mit Annette Habert: "Wie getrennte Eltern zu ihren Kindern jetzt am besten Kontakt halten", vgl. https://www.spiegel.de/familie/corona-wie-getrennte-eltern-zu-ihren-kindern-jetzt-am-besten-kontakt-halten-a-d11fbd8c-5844-42f6-b898-06584fe97c71